Warum der Kreiserhalt die Region zukunftsfähig macht

Das Buch “Hinterwalden – Berichte eines Dienstes im Wendland 1959–1982″ von August Quis, der im Landkreis in leitender Position in der Bauverwaltung tätig war und sich bereits in den Siebziger Jahren für den Erhalt des Landkreises einsetzte, ist ein richtungsweisendes Zeitdokument, das uns von seinem Sohn Wolfgang Quis zugeleitet wurde. Seine überraschende Aktualität, die Gründe und Perspektiven für einen Kreiserhalt, lohnen, sich dieses äußerst anschauliche und kurzweilige Werk näher anzusehen.

“Als ich in Uelzen war, dachte ich, jetzt hast du es bald geschafft”, so der damalige Landesvorsitzende der niedersächsischen CDU, Wilfried Hasselmann, als er 1973 zur 600-Jahr-Feier von Schnackenburg als Ehrengast mit halbstündiger Verspätung eintraf. “Denkste! Trotz freier Straßen habe ich mehr als anderthalb Stunden gebraucht und ich dachte daran, wie es den Schnackenburgern ginge, wenn sie einmal zur Kreisverwaltung müssen. Solange ich in der Politik etwas zu sagen habe, wird Lüchow Kreissitz bleiben.” Er hielt Wort.

Dem glücklichen Zusammenspiel der vehementen Willensbekundung der Bevölkerung und der Kooperation weitsichtiger Politiker ist es zu verdanken, dass der Landkreis Lüchow-Dannenberg seinerzeit nicht als entlegener Wurmfortsatz des Landkreises Uelzen endete. Maßgeblich gewirkt hat hier August Quis, der 1959 aus dem Raum München in den Landkreis kam, und als Kreisbaurat und schließlich, bis 1982, als Kreisbaudirektor mit großer Hingabe und Gestaltungskraft seinen Dienst an der heimischen Bevölkerung wahrnahm. Mit 39 Jahren hatte der studierte Architekt und umfassend gebildete Humanist seine Lebensaufgabe gefunden, die ihn bis weit über den Renteneintritt hinaus erfüllte. Gezielt hatte er sich dafür diesen Landstrich ausgesucht; mit dem Blick für Natur- und Kulturschätze und wertvolle Ressourcen in einer Zeit der Verstädterung und rücksichtslosen Landausbeutung hatte er sofort den Wert und das Potenzial der Region erkannt. Ähnlich denkende Mitstreiter halfen bei einer zukunftsgerichteten Entwicklung einer Region, die “wie keine andere als Rekreationsraum für den Menschen geeignet“ sei ( Ilse Rauchbach, Bauleitplanung).

Nach dem Krieg war durch die Grenzabriegelung das bisherige Versorgungszentrum Salzwedel für die Bevölkerung weggefallen. Um den Landkreis nicht demografisch ausbluten zu lassen, mussten sehr schnell Infrastrukturmaßnahmen durchgeführt werden. Die Herausforderung, mit geringen Haushaltsmitteln auf die jeweiligen Bedürfnisse angepasste Lösungen zu erarbeiten, gelang August Quis in enger Zusammenarbeit mit engagierten Mitarbeitern und seinen weitsichtigen Vorgesetzten, Oberkreisdirektor Oskar Lübbert und seinem Nachfolger Wilhelm Paasche. In kurzer Zeit bekamen Lüchow und Dannenberg Gymnasien und ein Kreiskrankenhaus. Quis und seinen Mitarbeitern gelang es dadurch, dass die weitaus meisten Facharbeiten in Planung und Architektur selbst geleistet wurden, nicht nur jede Menge Geld zu sparen, sondern sogar noch Einkünfte für den Kreishaushalt zu erzielen. Bei Entwürfen für Baumaßnahmen des Kreises wurde darauf geachtet, eher kleinstrukturierte und damit an die örtlichen Gegebenheiten angepasste Lösungen zu entwickeln. Dabei wurde zwar mit höherem Personaleinsatz gearbeitet, aber so kamen auch kleinere, einheimische Unternehmer zum Zuge. Letztlich erwies sich diese Strategie meist sogar als kostengünstiger und es blieb mehr Geld im Landkreis, der “innerregionale Nutzen war größer”.

Eine Wende dieser nachhaltigen Politik trat ein, als der Landkreis als Endlager für Atommüll, zwischenzeitlich auch als Standort für eine Wiederaufarbeitungsanlage gigantischen Ausmaßes ins Auge gefasst wurde. Die Gorleben-Gelder sorgten dafür, dass die Augen der Kreispolitiker “mit Geldscheinen verklebt” wurden (Ernst Schulz, Fraktionsvorsitzender der Deutschen Partei). August Quis, der mit großer Umsicht und systemischem Denken in einer Zeit, als dieser Begriff noch nicht zum allgemeinen Wortschatz gehörte, klug und nachhaltig gewirtschaftet hatte, musste mitansehen, wie die Kreispolitik die frischen Gelder zum Fenster hinauswarf. So wurde das neue Kreishaus, nach Einschätzung von Quis, nicht nur um 6 Mio. DM zu teuer, sondern produzierte durch Fehlplanungen im weiteren Betrieb auch hohe und vermeidbare Folgekosten.

Es kann als Ironie der Geschichte gesehen werden, dass der spätere Vorstandsvorsitzende der DWK (Deutsche Gesellschaft zur Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen) Salander bemerkte, die DWK müsse dem Widerstand dankbar sein, dass er sie durch die Verhinderung der Wiederaufarbeitungsanlage vor einer gigantischen Fehlinvestition bewahrt habe.

Der Widerstand gegen die Nutzung des Landkreises als Atommülllager und damit das Engagement für die Bewahrung der natürlichen Ressourcen der Region darf getrost als ein wesentlicher Standortfaktor dieses Landkreises angesehen werden. Insbesondere steht das Wendland wie kaum eine andere ländliche Region für eine “Kultur des Alltags” (niedergelegt im “Bussauer Manifest” von 1975, das dem Buch beigefügt ist), “wie sie sich nur über Jahrhunderte zu entwickeln vermag: In bodenständiger Baukunst, in der Qualität von Gebrauchsgegenständen, in Volkskunst, Religiosität und einer über Generationen gestalteten Landschaft.”

Ein weiterer Standortfaktur sind die Naturschätze der Region, die in dieser Dichte und landschaftlichen Vielgestaltigkeit ihresgleichen suchen und über die der große Förderer des Naturparks Lüneburger Heide Dr. h. c. Töpfer vor Ort bekannte, dies sei der “schönste und attraktivste Naturpark, den er gesehen habe” – ein Erbe und eine Ressource, die die aktuelle Kreispolitik für kurzfristige Sparmaßnahmen soeben auf die Streichliste gesetzt hat.

Der weitsichtige August Quis strich bereits vor Jahrzehnten heraus, dass die große Chance für den Landkreis darin besteht, die vielfältigen Angebote in Kultur und Naturerlebnis sinnvoll miteinander zu vernetzen und das Potenzial als “Rekreationsraum” für Zuwanderer ebenso wie für Besucher besser auszuschöpfen. Daran, dass dies viel besser gelingen kann, wenn der Landkreis als Verwaltungseinheit belassen bleibt, ließ er keinen Zweifel: Die drei Kleinstädte Lüchow, Dannenberg und Hitzacker fungieren gemeinsam wie ein Mittelzentrum, das eine breite Palette an Angeboten für die Bevölkerung wie auch für Besucher abdeckt und bietet erst zusammengenommen die breite Fülle an Ressourcen, die einander ideal ergänzen und für Erholungssuchende keine Wünsche offen lassen.

Auch die ansässigen Unternehmen profitieren von der hohen Lebensqualität: Die Firma SKF beispielsweise, die sich durch einen glücklichen Zufall in den frühen 60er Jahren entschied, hier zu produzieren, musste ihre Standortwahl nie bereuen. Die Mitarbeiter waren weniger krank als an anderen Standorten, dazu “lernwilliger und werkstreuer. Sie erbrachten Leistungen, die weit über dem Durchschnitt standen”. Das führte dazu, dass das Werk Lüchow um 1970 grundlegend modernisiert wurde, während ein Werk im Saarland mit 400–500 Arbeitsplätzen geschlossen wurde.

All diese Qualitäten sind ideale Basis für ein Standortmarketing – um Menschen als Neubürger zu gewinnen, für ein Leben und Arbeiten unter Qualitäten die woanders längst verloren gegangen sind, von deren Wiedergewinnung aber viel für die weitere Entwicklung der Gesellschaft und Wirtschaft, ja des Lebens auf diesem Planeten abhängt. Die jetzige überschaubare Größe des Landkreises böte den idealen Rahmen für ein prägnantes Profil nach außen und für die Einrichtung einer konzentrierten Modellregion, in der die vielen einzelnen Kräfte gut vernetzt an kreativen Lösungen arbeiten.

Das demographische Schreckgespenst – das gebetsmühlenhaft wiederholte und fast alleinige Argument, die absehbar schrumpfende Bevölkerung werde dem Landkreis die Überlebensgrundlage nehmen, kann nur Einladung zur Widerlegung sein durch das, was viele in diesem Landkreis täglich erleben, wie gerade wieder bei der Kulturellen Landpartie. “Wir wollen von euch leben lernen”, so wörtlich ein ansiedlungswilliger Besucher auf dem Hof der Lufts in Weitsche. Jetzt schon ist die Zuzugsrate höher gegenüber der Zahl der Menschen, die den Landkreis verlassen. In Zeiten, in denen zunehmend auch Angestellte dezentral arbeiten können und in denen Ausbildungen wichtiger werden, die Kreativität, selbständiges Lernen und vielfältige Praxiserfahrung ins Zentrum rücken, bietet die Region mit der Akademie für erneuerbare Energien und einem kreativ-handwerklichen Umfeld von Neu Darchau bis Schnackenburg und von Bergen bis Hitzacker einen fruchtbaren Nährboden, der nur darauf wartet, beackert zu werden.

Ansätze visionärer Ideen werden in diesen Tagen allerdings schnell – zu schnell? – als nicht gesetzeskonform und damit aussichtslos abgeurteilt, wenn sie nicht den üblichen Schienen folgen. August Quis bewies vielfach, im regionalen Maßstab wie auch im persönlichen Einzelfall, dass auch im Rahmen bestehender Gesetze immer Wege zugunsten der Interessen der Menschen gangbar sind. Einer seiner Lehrmeister in Rechtsfindung, der Regierungsrat Hemmel aus Fürstenfeldbruck, sagte: “Zuerst frage ich immer nach dem gesunden Menschenverstand, dann erst suche ich die gesetzlichen Bestimmungen, die meine Ansicht stützen.” Sein Chef Oskar Lübbert bestärkte ihn in dieser Leitidee des Dienstes am Bürger: “Sie werden wohl noch zwischen Gesetzen, Verordnungen, Ministerialerlassen und Richtlinien unterscheiden können?” Quis konnte – und er schöpfte seinen Handlungsspielraum zugunsten der Interessen der Bürger und der Entwicklung der Region voll aus, scheute sich auch nicht, ihn manchmal, entsprechend dem gesunden Menschenverstand etwas auszudehnen.

Gute Beziehungen zu Politikern auf Landesebene, die sich oft vor Ort von den Vorzügen der Region überzeugen ließen, machten gesetzliche Regelungen möglich, die dem Landkreis sehr zugute kamen. So kam unter dem Ministerpräsidenten Niedersachsens Georg Diederichs im Zuge einer Gemeindereform ein Gesetz zustande, das hinter vorgehaltener Hand “Lex Lüchow-Dannenberg” genannt wurde. Jede Gemeinde unter 500 Einwohnern wurde für die finanziellen Zuwendungen vom Land so gestellt, als ob sie 500 Einwohner hätte. Als Region mit den weitaus meisten Kleinstgemeinden im Land profitierte der Landkreis in besonderem Maße von dieser Neuregelung. Und Georg Diederichs, der Kenner des Wendlands, hatte sein Ziel, dem benachteiligten Landstrich wirksam zu helfen, erreicht.

“Keine Idee kann verrückt genug sein, als dass sie für die Überlebensfähigkeit dieses so schwer benachteiligten Landkreises nicht ins Auge gefasst werden müsste”, erklärte der Landesplaner Dr. Dietrich bereits Anfang der 60er Jahre auf einem Besuch anlässlich der Planung der Elbuferstraße. Es war damals schier undenkbar, die Straße nicht einfach unten am Elbufer entlang zu bauen, sondern oben auf den Kamm des Steilufers zu verlegen, wo sie für Ausflügler eine besondere Attraktion darstellen würde. Über Bestimmungen, welchen Steigungswinkel Kreisstraßen maximal einzuhalten hätten, setzte sich Quis mit Verve hinweg: “Das lassen Sie ruhig meine Sorge sein. Wenn die Laster wegbleiben, ist dies umso besser, das ist eine Ausflugsstraße.”

Mit dieser und unzähligen weiteren Aktivitäten, in denen er die Verantwortung für die Bürger seines Landkreises an die erste Stelle setzte, vertiefte August Quis den bestehenden Reichtum des Wendlandes. Sein wunderbar unterhaltsames Buch voller Anekdoten ist eine einzige Aufforderung, dieses Erbe nicht zu verspielen, sondern beherzt zu ergreifen und weiterzuentwickeln. Mit einem lebendigen Gefühl für die Werte und die Lebensqualität dieses Landstriches eine gemeinsame Vision zu entwickeln und in vielen gut koordinierten Schritten engagierter Bürger zusammen mit ihren Vertretern in der Politik und Dienstleistern in der Verwaltung zu realisieren.

Um diese Inspirationsquelle zu verbreiten und die Vision für diesen Landkreis weiter anzufachen, wollen wir in nächster Zeit Lesungen veranstalten, mit eindrücklichen Episoden aus “Hinterwalden” und Gesprächsrunden mit Menschen, die das Wirken von August Quis noch miterlebt haben. Wir halten euch auf dem Laufenden. Stay tuned – bleibt am Ball!

 

3 Gedanken zu “Warum der Kreiserhalt die Region zukunftsfähig macht

  1. Ja – ein schöner Beitrag !!
    Der sich –wie ich finde– auch sehr gut in der EJZ machen würde !
    Ich kann mir gut vorstellen, dass er Menschen erreicht…. zum “Überlegen” anregt, die (z.B.) nicht im Internet unterwegs sind ?!! Ein persönlicher Kontakt zur Redaktion sollte dies möglich machen – wenn es denn gewollt ist.

    • Danke! – Die Buchausgabe befindet sich in Vorbereitung. Sobald die fertig ist, wollen wir damit auch mehr an die Öffentlichkeit gehen.

  2. Liebe Simone,

    das ist der schönste Beitrag auf dieser Seite bisher! Vielen Dank, dass Du uns allen einen so guten Einstieg in das Buch von August Quis gegeben hast!

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